Piemont & Personaggi   –  Piemont & Persönlichkeiten

Kaum ein Landstrich Italiens ist noch immer so unentdeckt wie der Nordwesten. Dabei strotzt das Piemont nur so vor Geheimtipps. Sei es in der Alpenregion an der Süd-, West- und Nordgrenze, in der fruchtbaren Poebene, die sich von Westen nach Osten zieht oder im hügeligen, weinrebenreichen Süden. Italiens zweitgrößte Region ist voller Persönlichkeit – und Persönlichkeiten. Es ist also an der Zeit für eine Geschichte zu Piemont und Personaggi.
Einem ganz besonders beliebten Piemontesen begegnet man in den waldreichen Hügeln der Alta Langa in der südlichen Provinz Cuneo. Hier, über dem frischen Haselnusstrauchgrün des Bórmidatals liegt versteckt ein kleiner Borgo. Die sich hinschlängelnde Straße ist so schmal, dass die langen Triebe wilder Nusssträucher durchs heruntergelassene Autofenster kitzeln. Noch eine Kurve, noch eine. Das Navigationssystem hat schon längst aufgegeben.
Dann, nach einer letzten Abzweigung, ducken sich eine Handvoll bemooster Schieferdächer unter Eichen und Maulbeeren. Darunter trutzige, kubische Baukörper aus mörtellosem Feldstein, die 60 Zentimeter dicken Mauern von vergangenen Jahrhunderten zusammengestaucht. Vor ihnen steht Gianni Farinetti. Der Schriftsteller, 1953 im nahen Bra geboren, teilt sein Leben und Arbeiten zwischen dem eleganten Turin und seinem malerischen Refugium auf dem Land. Ein graubärtiger Bohémien mit einnehmendem, warm polterndem Witz, sein „Buongiorno!“ hallt im schönsten Bassbariton die Mauern entlang. Und je schneller die Camels blu zwischen seinen gestikulierenden Fingern verglühen, desto verheißungsvoller werden Timbre und Piemontgeschichten. Auch seine Romane erzählen von dieser Region, zwei davon wurden bereits ins Deutsche übersetzt. 2005 hat er den Borgo Balin oberhalb des kleinen Dörfchens Gorzegno gekauft und anschließend acht Jahre lang restauriert. Seit letztem Jahr empfängt er Feriengäste. Wenn sie denn den Weg zu ihm finden, schmunzelt er: „Das Piemont ist noch immer verkannt, sogar unbekannt“, sagt er, „aber dafür entdecken Reisende hier noch ein Mysterium. Und verwunschene, verlassene Plätze.“
Farinettis Geschichten bebildern ein intaktes, ursprüngliches Land. Dem gerne eine gewisse Unzugänglichkeit zugeschrieben wird – geografisch und als Charaktereigenschaft seiner Einwohner: „Man sagt, die Piemontesen seien verschlossen. Vielleicht sind wir wirklich nicht überschwänglich, aber wir haben einen schwarzen Humor. Und zelebrieren unsere Exzentrik“, zwinkert er verschwörerisch. Diesen Wesenszug erklärt er anhand der örtlichen Begebenheiten: „Die Langa war immer arm – auch an Straßen. Es gestaltete sich also schwierig, die Gegend zu verlassen und andere Orte zu erreichen.“ Doch daher rühre auch die wohlwollende Neugier der Einwohner auf alle, die von außerhalb kamen: „Schließlich brachten diese Fremden neue Ideen, neue Geschäfte und neue Künste mit.“
Gerade für letztere war wohl kein Weg zu steil, kein Tal zu abgelegen: Wer von Farinettis Borgo aus zwei Stunden lang westwärts fährt, erreicht die vollkommene Abgeschiedenheit der Cottischen Alpen – und einen der größten Kunstschätze des Piemonts: „Elva ist das einsamste Dorf, das man sich vorstellen kann. Und doch erfreuen uns genau dort die wunderbaren Fresken des Maestro d’Elva“, lacht er. Denn ist es nicht herrlich absurd und so ganz und gar piemontesisch, in dieser 100-Seelen-Gemeinde im Valle Maira auf die Fresken eines flämisch-burgundischen Meisters aus dem 15. Jahrhundert zu treffen? Nirgendwo sonst ist das Piemont so entvölkert: die durchschnittlich zwei Einwohner pro Quadratkilometer kennzeichnen das Mairatal als eine der am dünnsten besiedelten Regionen Europas. Auf der serpentinenreichen, gerölligen Passstraße, die nach Elva führt, kann einem schon mal mulmig werden. Und doch ist in der Gemeindekirche von Elva das Presbyterium dicht mit farbenfrohen, detailreichen Bibelszenen bemalt. Die Stille und Abgeschiedenheit des Ortes wirft den Betrachter ganz zurück auf sich selbst und diesen Moment intensiver Begegnung mit Hans Clemers tumultigen Kreuzigungsszenen, mit dem noblen, blassen Gesicht seines Verkündigungsengels, der die grüßende Hand über eine lesende Maria hebt. Mit dem sichtlich müden Esel, der die Gottesmutter und das eng in weißes Tuch gewickelte Jesuskind nach Ägypten bringt. All diese Figuren tragen, so spürt man noch heute, seit 600 Jahren ein Geheimnis mit sich.
In einer seiner schwarzen Kriminalkomödien, dem Rebus di mezza estate, setzt Gianni Farinetti den Leser auf die rechte Spur, wenigstens eines der unzähligen misteri des Piemonts zu lüften: „Ein Mittsommerrätsel“ – so könnte man den Roman ins Deutsche übersetzen – beschäftigt sich mit einem der vordringendsten Merkmale von Land und Einwohnern:
Dem Schweigen:
„Sie hatten ihm erzählt dass in der Alta Langa das Schweigen, vor allem in der Nacht, ein doppeltes ist. Auf die erste stille Schicht, die dem Landleben auf der ganzen Welt gemein ist, folgt eine weitere – tiefer, gehörlos und dennoch schwingender. Vielleicht weil die Leute hier früh ins Bett gehen und von sich aus schon nicht lärmend sind. Aber vor allem weil die Hügel der Langa kein Echo zurückwerfen. Es ist nicht wie in den Bergen, wo du rufst und der Ruf zu dir zurückfindet. Nein, diese Hügel, die Abgründe, Gräben, Schluchten von hier, saugen die Töne auf, halten sie zurück, verbergen sie tief im Innern. Wären sie aus Stoff, es müsste Samt sein. Oder ein Gericht wie Gemüsestampf. Es gibt keine Wasserfälle, keine aufgewühlte See. Selbst der Wind – an dem es hier nicht fehlt – wirft zwar die Türen zu, sicherlich, aber mit besonderen Tönen. Ohne Wut, ohne Vorzeichen. Ein schönes, trockenes Bumm und das war’s.“
Paola Fracchia hat sich diesen Abschnitt auf ihre Webseite gestellt, denn nie zuvor, so erzählt die ziegenzüchtende Käseproduzentin, habe jemand so treffend genau zusammengefasst, was auch sie in der Alta Langa empfindet. Die preisgekrönte Käserin lebt mit ihrem Mann Gianni Cora nur einen Steinwurf von Farinettis Borgo entfernt im Örtchen Monesiglio. Der Robiola der beiden zählt zu den feinsten Ziegenfrischkäsen weltweit. Das Harrods in London bestellt ihn. Ferrán Adriá war Kunde, als er noch sein El Bulli betrieb. Sogar dem japanischen Kaiser wird der kunstvoll in handgesammelten, aromatisierenden Blättern von Feige, Nuss oder Wein gewickelte Ziegenfrischkäse zugeschickt. Jahr um Jahr flattert den Coras dafür eine Einladung an den japanischen Kaiserhof ins Haus. Aber hinfahren? Nein! Wie könnten sie ihre 350 Ziegen verlassen! Lieber holen sie sich die Welt in ihre Käserei. Die Welt – und natürlich den Schriftsteller Gianni Farinetti. Paola Fracchia nickt begeistert: „Ich habe seine Bücher schon gelesen, noch bevor ich ihn kannte. Eines Tages gehe ich in die Bar – und er steht vor mir. Für mich sind Schriftsteller das größte, also gelang es mir nicht, irgendetwas zu sagen und ich habe ihn nur mit offenem Mund angestarrt“, erinnert sie sich an ihre erste Begegnung mit dem Romanautor.
Erzählen zu können, das hat im Piemont eine große Bedeutung. Gianni Farinetti erinnert sich, wie er die Coras zum ersten Mal in ihrem Privathaus besucht hat: „Da hing im Eingang ein Foto von mir! Oder eigentlich hingen da drei: Ich und Jack Kerouac und Tom Waits.“ Er freut sich noch immer. Und ruft große piemontesische Schriftsteller wie Beppo Fenoglio oder Cesare Pavese ins Gedächtnis. Auch wortgewandte Liedermacher zählt er dazu, schließlich stammt Paolo Conte aus Asti, der im Frühling verstorbene Gianmaria Testa war aus Cuneo.
So wird im Piemont nicht nur dem Schweigen große Bedeutung beigemessen, sondern auch die Schönheit des recht gesetzten Wortes gewürdigt: „Viele haben versucht, das Piemont mit ihren Worten zu beschreiben. Das hat einen Grund: In ihrer Suche nach Worten steckt der Wunsch, dem Geheimnis des Ortes auf den Grund zu gehen“, erfasst Gianni Farinetti auch das eigene Bemühen. „Aber“, schließt er und wirkt darüber ganz zufrieden: „Du suchst und suchst. Und entdeckst es doch nie.“ Das Piemont wird also noch ein Weilchen Mysterium bleiben. Auch trotz – oder wegen – unserer Reisegeschichte.

Übernachten:
Kriminal-Borgo
Geduckte Feldsteinhäuser unter blühenden Glyzinien, der Blick vom Pool ins üppig wuchernde Grün des Bórmidatals, die Einrichtung punktet mit Witz und Antiquitäten. Und diese Ruhe! Ein paar Spechte und Käfer, sonst ist nichts zu hören. Kein Wunder: Der Borgo des Schriftstellers Gianni Farinetti ist nicht leicht zu finden. Wer die schmale, kurvige Straße aus Monesiglio hinaus doch entdeckt und die rechte Abzweigung nicht verpasst, dem ist großes, stilles Gastglück beschieden. Farinettis Versteck verfügt über zwei Suiten, ein Apartment mit Küche und ein lichtes, verschwiegenes „Camera nel Bosco“ – ein Zimmer im Wald, samt romantischer Füßchen-Wanne im Alkoven. Acht Jahre lang hat der Romanautor den borgo antico restauriert, seit letztem Jahr empfängt er Feriengäste. Auch sein Buch Il segreto tra di noi lässt Gianni Farinetti hinter diesen dicken, Jahrhunderte alten Steinwänden spielen. Der Roman ist noch nicht ins Deutsche übersetzt und auch nix für Angsthasen: Die drei Schwestern, die dieses entlegene Plätzchen in Farinettis Geschichte bewohnen, hüten ein schauerliches Geheimnis. Wie war das? Ein paar Spechte und Käfer, sonst ist nichts zu hören? Ma che?!
Angemeldete Feriengäste werden in Monesiglio abgeholt, um den Weg auch ganz sicher zu finden.
Mathe im Mairatal
Chiappéra heißt die entzückende 100-Häuser-Ortschaft ganz am Ende der schmalen, kurvigen Passstraße des Valle Maira, das noch immer ganz ohne Skilift auskommt (für  Ski- und sonstige Wanderer gibt es aber ein gut funktionierendes Kleinbussystem). In diesem Hochgebirgstal, kurz vor der Grenze zu Frankreich, steht die Scuola di Chiappéra. In der alten Schule findet zwar seit 1972 kein Unterricht mehr statt, dafür wurde im letzten Jahr mit ihr als Zentrum ein albergo diffuso mit insgesamt 30 Betten eröffnet, der Schulkomplex sowie umgebaute Speicher und Ställe unter Steingewölbe in einer puristischen, stilbewussten Klammer umfasst. So können sich Gäste wie echte Dorfbewohner fühlen. Und auch gleich regional und saisonal ernähren. Denn in der Scuola serviert Pierpaolo Maero Köstlichkeiten wie die zweierlei zubereitete Forelle, direkt aus der rauschenden Maira. Pierpaolo schwört auf „tracciabilità“, die Rückverfolgbarkeit eines jeden Produkts. Rückverfolgbar sind auch die Gäste, die sich inzwischen gleich zweimal im Jahr einbuchen. Mathe im Maira-Tal? Na sagen wir lieber: für gelungene Ferien kann man auf die Scuola di Chiappéra zählen!
Die Scuola schließt Anfang Oktober und ist dann vom 26. 12. bis 8.1. 2017 und regulär ab Ende Januar wieder geöffnet.
Heia im Glas
„Wir waren mutig. Oder vielleicht doch einfach nur unwissend“, umschreibt Hotelbesitzer Giulio Perin noch heute ungläubig den eigenen Idealismus, 2002 in den ältesten Mauern des Ortes die Case della Saracca zu eröffnen. In dem heutigen Boutique-Hotel lebten bis Anfang der 1990er Jahre die ärmsten Menschen des Ortes, danach war der obere Altstadtteil von Monforte d’Alba 25 Jahre lang überhaupt nicht mehr bewohnt. Dann kamen Perin und sein Architekt, zogen inwändig Glaspaneele vor nackte, tausendjährige Sandsteinmauern, so dass der Gast beim Duschen, Essen, Schlafen den baugeschichtlichen Geist einatmet. Und heute brummt es in der rosenumrankten Gasse, die fein sortierte Weinbar im Erdgeschoss und das Restaurant im gläsernen Treppenhaus sind auch bei den Einheimischen sehr beliebt. Alle sechs Hotelzimmer sind unterschiedlich, viele mit Mezzanin, richtig Platz und antik-schickem Interieur.
Ja, ich will – auf italienisch
Vom barocken Schlösschen Castello di San Sebastiano P0 reicht der Blick bis Monte Rosa und Matterhorn. Und hinunter aufs Monferrato und den silbern sich schlängelnden Canale Cavour, auf dem schon so manche Reisernte aus der Poebene geschippert wurde. Im Garten warten klassizistische Tempel, Orangerien, Grottenbrunnen und exotische Pflanzen auf den Gast – selbst der König von Afghanistan hat seltene Baumsamen beigesteuert. Seit 1985 restauriert Diego Garrone das Anwesen des Castello di San Sebastiano Po. Der inzwischen 73jährige hat sein Unterfangen als never ending story akzeptiert und die Aufgabe weitergegeben: sein Sohn Luca ist Architekt geworden und dem castello genauso verfallen wie seine Eltern. Die frühesten Mauern sind aus dem Jahr 1000, seit dem 18. Jahrhundert wurde die Bausubstanz kaum mehr verändert. Es sieht vermutlich noch alles so aus, wie zu Zeiten Napoleons. Der war nämlich auch schon hier. „Wer hier das Hilton sucht, ist falsch“, sagt Diego. Aber wer den Charme unter Spinnweben und bröckelndem Putz erkennt, verliebt sich prompt. A propos verlieben: Nicht an Wochenenden anreisen, da wird hier nämlich ausgiebig gehochzeitet, seit die italienische Reality-TV-Show Wedding Planner hier eine Traumhochzeit organisiert hat. Sì, lo voglio!
Mangiare
La Signora della Panna Cotta
Eine Dorfbar, wie aus einem alten italienischen Film: Kartenspieler, Plastiktische – und „la parlantina“ – die Schwatzhaftigkeit – der bewirtenden 72jährigen: Bei Renza Veglio gibt es keine Speisekarte, aber die Antipasti, das Vitello Tonnato und die von Slow Food-Initiator Carlo Petrini gerühmte Panna Cotta sind seit nunmehr 23 Jahren immer fein und frisch gemacht. Eine „Naturgewalt“ nannte Petrini „la Signora della Panna Cotta“ in seiner Kolumne der Tageszeitung La Repubblica, ach was: „die Quintessenz aller Frauen aus der Langhe“. Von Renzas phänomenaler Aussichtsterrasse aus offenbart auch die Langa selbst ihr Wesentlichstes: Sanfte, üppige Weite und am Horizont ein licht-diffuses Sfumato in Grün und Blau über kastellbewehrten Hügeln und vielen, vielen Weinreben.
Koch der Köche
Der Raum ist schweinchenrosa gestrichen und die Heizung knattert erbarmungslos, aber all das macht nichts, solange Cesare Giaccone da ist, seine Capra allo spiedo brät, die Ziege am Spieß im Kaminfeuer, und die Gäste mit seinem schnauzbärtig gezwirbelten, listigen Witz begrüßt. Giaccone gilt als „Koch der Köche“, schon seit Jahrzehnten eilt die internationale Kochelite ins Piemont, nur um bei ihm zu essen. Er selbst, zwinkert er verschwörerisch, bevorzuge seine Kombination aus Steinpilzen und Pfirsichen, für die er Steinpilze in Scheiben hobelt, in Butter mit Knoblauch und Zwiebeln anbrät und nach einer Weile geschälte Pfirsichspalten hinzufügt, alles mit Salz, Pfeffer, Petersilienblättern, Geflügelfond und Sahne kurz köcheln lässt und zuletzt Moscatoessig darüber tröpfelt. Er öffnet sein 4-Tische-Restaurant ab vier Zusagen. Oder auch einfach so, wenn ihm danach ist. 110 Euro pro Person, fixes 7-Gang-Menü.
Schmuckes Café, schmucke Köchin
Sie trägt sicherlich die schmuckste schwarze Kochuniform des gesamten Piemonts: Aber nicht nur deswegen sollte man im urigen Furnel e Pirol von Ilaria Cesano haltmachen. Die Familie ihres Mannes betreibt nebenan in fünfter Generation eine Metzgerei. Und so kocht sie: Fleisch und Gemüse. Wenig Zeit? Dann wenigstens ihren Maroni-Streuselkuchen an der Espresso-Bar probieren. Delizioso! Und dann diese Ich-will-für-immer-in-Ilarias-Chalet-sitzen-Gemütlichkeit! Also doch hiergeblieben, das Mairatal ist eben so gar kein Ort für Hektik.
Souvenirs, Souvenirs
Die Rosenflüsterin
„Meine Biografie könnte heißen: Von Rauschenberg zu Rosen“ lacht Anna Peyron. Einst verkehrte die Blumenzüchterin als Kunstspezialistin der bekannten Turiner Galerie Sperone mit Künstlergrößen wie Christo oder Roy Lichtenstein. Doch dann, mit 45, schwenkte sie um: „Es begann mit Sukkulenten. Irgendwann waren 3000 in meiner Sammlung.“ Die Affinität zu Kakteen habe sie ihrem täglichen Umgang mit modernen Kunstwerken zu verdanken: „Die Skulpturalität dieser Pflanzen!“, begeistert sie sich noch heute. Und überhaupt: „Zwischen arte und avanguardia weiß man: Das Leben ist eine stete Herausforderung“. Das galt auch für ihre fünf Kinder, die sie in sämtlichen Ferien in die botanischen Gärten und Rosenzuchten von England bis Südafrika schleppte: „Was haben die nicht immer geschimpft“, erinnert sich die inzwischen 79jährige – und grinst schelmisch. Heute arbeitet dann doch eine Tochter mit auf den steilen Hängen der Pflanzenzucht. Und auch Anna Peyron ist täglich vor Ort, „von 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends“. Der Kirchturm von San Genesio läutet ihr die Zeit, sein Schlag verliert sich in den tiefen Hügeln des Monferrato. Blühende Büsche parfümieren den Wind. Wer ein Stückchen Piemont für den eigenen Garten möchte, muss zu Anna Peyron.
Der König der Nusstorte
… ist Giuseppe Canobbio, so hat es Carlo Petrini in seinen Storie di Piemonte vermerkt. Und bescheinigt dem 80jährigen eine „rostfreie Leidenschaft“ für seinen Beruf:  Seit einem halben Jahrhundert bäckt der Piemonteser gemeinsam mit seiner Frau Ester in dem hübschen Städtchen Cortemilia, inzwischen stehen alle drei Töchter auch im laboratorio und hinter dem Tresen des Cafés im Erdgeschoss eines hübschen Stadtpalasts aus dem 16. Jahrhundert. Wer zu viel Nusstorte erwischt hat und erst einmal ein wenig ruhen möchte: im ersten Stock sind hübsche Zimmer zu mieten, teilweise mit Fresken und Intarsienböden.
Hemingway’s sweet tooth
Das passt zur Eleganz dieses arkadengangreichen Städtchens am Seealpenrand: An der Piazza Galimberti von Cuneo hat bereits Ernest Hemingway eine Pause eingelegt. Und sich im 1923 eröffneten Kaffeehaus Arione mit dessen berühmter Spezialität eingedeckt: den Cuneesi al Rum. Er war nicht der einzige prominente Fan des Rum-Meringue-Pralinés in dunkler Schokoladenhülle, auch Marcello Mastroianni hat noch immer seinen eigenen Sitzplatz im Arione. Probieren ist also ein Muss, aber ehrlich gesagt: ein Cuneese reicht. Und das sollte man vielleicht teilen, so schwer und süß ist es. Mit den zehn amici an der Bar. Die finden sich schnell, beim Aperitivo, zu dem köstliche Blätterteigtäschchen serviert werden.
Ziegen, Käse und die Wälder der Alta Langa
Für den richtigen, ziegenfrischsahnigen Geschmack, muss man die gesamte Produktionskette verantworten, davon sind Paola Fracchia und ihr Mann Gianni Cora überzeugt. So bringen sie selbst das Futterheu für ihre Ziegen ein, verarbeiten die Milch in den Hallen daneben und sammeln in den Wäldern der Alta Langa Blätter von wildem Wein, Nuss, Kirsche oder Feige, um die runden, hohen Käsetaler darin reifen zu lassen, bis sie die Süße der Feige annehmen oder den herberen Geschmack des Nussbaums. Seit Jahrhunderten wird Frischkäse in der Alta Langa so gelagert – man habe es nur irgendwie vergessen: „Als wir im Jahr 2000 damit zum ersten Mal auf die Käsemesse Cheese nach Bra gefahren sind, hatten manche Käsetester Tränen in den Augen, weil unsere Verpackung sie an eine Tradition ihrer Großeltern erinnerte“, nickt Paola. Der bis zu 20 Tage gelagerte Käse verlässt das oberste Bórmidatal mit charakteristischem Geschmack: „Sahnig-samtig, nach Ziege, sauberem Stall und Weide“ befand der Gourmetverlag Gambero Rosso und kürte die Coras im letzten November auf den ersten Platz der Robiola-Affineure.
Kunstschätze
Gehen, Gucken, Glauben
Landschaft, Kunst, Religionshistorie, Wallfahrtsort. Und UNESCO-Weltkulturerbe. Das alles vereint sich im Sacro Monte di Crea, einem von insgesamt neun Sacri Monti Norditaliens. Dieser Heilige Berg wurde ab 1589 vom Prior der marianischen Wallfahrtskirche auf den Hügeln des Monferrato erbaut. Die zu erwandernden kleinen Kapellen bergen fast lebensgroße Skulpturengruppen aus vielfarbiger Terrakotta, von Trompe-l’oeil-Wandmalerei in ein perspektivisches Umfeld gebettet. Das ist Bibelgeschichte zum Gehen und Gucken, lesbar für jeden. Unter hohen Eichen und Eschen folgt man der Andachtsstrecke, trifft sich zum Picknick oder flaniert die 22 Kapellen entlang, die bis zur höchstgelegenen Rotunde des Parcours führen: dem Paradies. Hier feiern über 300 Skulpturen – Engel, Apostel, Heilige, Märtyrer –  die Krönung Marias.
Die Fresken des Maestro d’Elva
Eine abenteuerlich sich windende Passstraße führt in dieses entlegene Dorf im Valle Maira, das gerade einmal 100 Einwohner zählt. Doch die Gemeindekirche von Elva besitzt mit ihren Chorraumfresken einen der bedeutendsten Kunstschätze im westlichen Piemont: Die 600 Jahre alte – und dennoch so unglaublich frische, farbenfrohe – Freskomalerei des niederländischen Wandermalers Hans Clemer, der den Historikern lange sogar nur als „Maestro d’Elva“ bekannt war. Im Altarraum prangt mittig die Kreuzigung Jesu, die Seitenwände bebildern das Leben Marias. Ein wichtiger Tipp vor Ort: Die Kirche ist immer offen, aber man muss die Tür mit aller Kraft aufstoßen.
Und noch mehr Fresken
La Chiesa della Madonna del Carmine, Prunetto: Wunderschöne romanische Kirche und ein grandioser Blick auf die Cottischen Alpen. Fresken aus dem 15. Jahrhundert aus der Hand des Künstlers Segurano Cigno. Besonders mystisch: Die Szene von der Versuchung des Heiligen Antonius.
(Text: Evelyn Pschak)

Piemont & Persönlichkeiten – ALPS Reise – 8 Nächte

Birgit Trager (PIEMONT PUR) hat für das  ALPS-Magazin die Reise „Piemont & Personaggi“ kreiert – und dafür tief aus dem Erfahrungsschatz ihrer bereits zwanzigjährigen Liebe fürs Piemont geschöpft!
Reisetipp: Die ALPS-Reise „Piemont und Personaggi“ kann man über uns (auch individuell variiert) buchen. Buon Viaggio!

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2017-11-25T11:51:54+00:00